Mein schlechtes Gewissen
Donnerstag, Dezember 23, 2010 11:56Als ich klein war, war ich regelmäßig in den Ferien zu Besuch bei meinen Großeltern. Mein Opa war der reinste Sonnenschein, aber meine Oma, die konnte ich nie ausstehen. Damals hatte ich immer ganz großes Heimweh nach Hause, weil es ziemlich langweilig war. Meine Oma nahm mir dann immer mein Lieblingskuscheltier weg- meinen geliebten, großen Plüschelefanten. Sie zog mich damit immer auf. Wie kann so ein großes Mädchen noch mit Kuscheltieren schlafen? Ich war nicht mal 9 Jahre alt. Dass sie damit mein Heimweh verstärkte, begriff sie anscheinend nicht. Es wurde immer schlimmer mit meinem Heimweh. So schlimm, dass ich immer wieder versuchte zurück zu meinen Eltern zu gehen. Ich wurde damals aber entweder von meinem Onkel oder meinem Bruder wieder eingefangen. Dann gegen Nachmittag kamen meine Eltern um mich zu holen. Eigentlich sollte der Abend noch ruhig ausklingen. Eigentlich! Meine Oma warf meinen Eltern schlechte Erziehung vor. Schlechte Erziehung, weil ich immer abhauen wollte – weg von meiner Oma hin zu meinen Eltern. Meine lieben Eltern sahen das natürlich anders. Der Grund warum ich abgehauen bin, oder es zumindest versuchte, war ja meine Oma. Sie hatte keine Versuche unternommen mir die restliche Zeit schön zu machen- im Gegenteil. Sie verschlimmerte es ja sogar mit ihren Spielchen, das sie den lieben Teddy wegwirft oder versteckt. Das ganze artete dann diesen Abend immer mehr im Streit aus. Da meine Oma weiter stur auf ihre Meinung beharrte, packten wir unsere Sachen und fuhren. Mein Papa war richtig sauer. Ist irgendwo auch verständlich. Niemand lässt sich gerne schlechte Erziehung vorwerfen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte keiner, dass man sich nicht so schnell wiedersehen würde. Beide Parteien waren so stur und so dermaßen verletzt in ihrem Stolz, dass man sich nicht mal zum Geburtstag geschweige denn zu Weihnachten Grüße sandte.
Eine lange Zeit der Trennung
Um ehrlich zu sein, hatte ich nach und nach immer mehr ein schlechtes Gewissen. Schließlich war ich der Grund, warum gestritten wurde und Eiszeit herrschte. Es verging Jahr um Jahr ohne ein Lebenszeichen. Irgendwann kurz vor Weihnachten rief mein Opa dann doch bei uns an. 4 Jahre später. Leider hatten wir keine Zeit zu Weihnachten hinzufahren, aber Gott sei Dank waren alle bereit wieder aufeinander zuzugehen.
Gott sei Dank… oder eigentlich auch zu spät. Aber das habe ich viel später bemerkt.
Im Jahr darauf habe ich denn mit allen aus der Familie meine Jugendweihe dort bei meinen Großeltern gefeiert. Es war schön wieder alle um sich rum zu haben. Das schlechte Gewissen wuchs damit bereits zunehmend. Auch als wir zwei Monate danach die Hochzeit meiner Tante feierten, war es einfach nur schön wieder da zu sein. Vor allem meinem geliebten Opa, der mir das Malen beibrachte und mich herzte. Deswegen entschloss ich mich auch meine Ferien bei meinen Großeltern zu verbringen. Noch im selben Jahr. Erst 1 Woche, dann 2 und dann 3. Es war richtig schön dort. Zwischendurch holten meine Eltern mich ab und ich brachte meinen Großeltern etwas mit. Mein Opa war am selben Tag bei der Pferdedressur gewesen. Er liebte Pferde. Deswegen landete ich mit meinem Geschenk damals auch voll den Treffer. Ein Buch über Pferde. Er küsste mich auf meine linke Wange. Ich kann noch heute seine Lippen spüren und meine Tränen, die vor Freude flossen.
Ein trauriges Ende
Dann war ich wieder zu Hause. Drei Wochen später besuchten wir meine Großeltern. Meinem Opa ging es sehr schlecht. Gewichtsverlust und starke Schmerzen. Montag kam er ins Krankenhaus. Dienstag kam ich nach Hause und auf dem Zettel stand: Sind im Krankenhaus. Opa ist gestorben. Krebs. Ich habe das ganze Treppenhaus zusammengeschrien. Er fehlt mir so. Noch heute könnte ich weinen. Und mein schlechtes Gewissen ist heute riesig!!!!