Die Wurst in der Suppe

Mittwoch, Januar 26, 2011 16:09
Veröffentlicht in Erinnerungen

Als ich noch ein kleines Mädchen war, freute ich mich immer, wenn meine Oma zu Besuch kam. Ganz besonders glücklich aber waren meine große Schwester und ich, wenn wir bei ihr zuhause übernachten durften. Wir hatten sie dann einen ganzen Tag und ein Frühstück lang für uns alleine, ohne dass unsere Eltern oder irgendeine Tante dazwischen gequatscht hätten. Denn wenn es Abend wurde und unsere Bäuche von ihrer leckeren Puddingsuppe schon ganz voll waren, erzählte uns Oma immer viele lustige Geschichten aus ihrer Kindheit. Am liebsten mochten wir die Geschichte von der Wurst in der Suppe, die uns Oma auch immer wieder gern erzählte:

“Als ich noch ein kleines Mädchen war”, begann sie zu berichten, “da gab es samstags immer Erbsensuppe”. “Das Beste an dieser Suppe, war die Wurst, denn Fleisch war damals noch etwas ganz Besonderes. Daher aß ich die Wurst immer gleich als erstes, sofort als die Suppe auf den Tisch kam. Einmal sah ich, wie mein Bruder, in der Suppe herum stocherte. Doch ich kümmerte mich nicht weiter darum und aß nun die übriggebliebenen Erbsen. Als ich erneut zum Teller meines Bruders schaute, wunderte ich mich darüber, dass auch er die Wurst wohl als Erstes gegessen haben muss. Das mag einem Fremden vielleicht nicht sonderbar erscheinen, aber ich kannte meinen Bruder. Er war immer derjenige, der das Würstchen noch bis zum Schluss aufsparte.

Mittlerweile war ich fertig mit dem Essen, dass hatte auch mein Bruder gemerkt. Er wühlte mit seiner Gabel in der Suppe und holte die Wurst hervor, die unter einem Berg von Erbsen und allerlei Gemüse gut versteckt war. “Schau her”, sprach er, “Ich habe mein Würstchen immer noch und du nicht mehr!”und er spießte die Wurst auf seine Gabel und streckte sie mir entgegen. Immer näher kam er damit. “Mmmh, lecker!”,quälte er mich. Nicht mehr lang sollte er mich so ärgern, denn blitzartig machte ich einen Satz nach vorne und verschlang, wie ein Wolf, die Wurst in nahezu einem Zug. Mein Bruder jammerte fürchterlich, dass er nun gar keine Wurst gehabt hat. Dies sollte ihm für immer eine Lehre sein.”

Auch ich werde mich immer an Omas Geschichte erinnern und sie eines Tages auch meinen Enkeln erzählen.

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